Im alten Griechenland

„Da drinnen ist die Lösung für unser Rätsel. Lenny, du bist der Kleinste von uns, du musst da hinein.“

Ich schaue zu, wie die Äste des großen Kastanienbaums vor dem Klassenfenster im Wind auf und ab schaukeln. Die Stimme von Frau Marin, unserer Geschichtslehrerin, höre ich nur noch ganz leise. Ihre Worte vermischen sich mit den Geräuschen von draußen. „Das Altertum … auch Antike … frühe Hochkulturen … Ägypten, Römisches Reich, Mesopotamien … Griechenland ...“ 
Sofort muss ich an meinen Vater denken. Meine Schwestern und ich wollen ihn zum Vatertag mit einem Ausflug überraschen. Aber wir wissen noch nicht, wohin. Vielleicht gibt es irgendwo eine Ausgrabung, die wir besuchen könnten. 

Die Geschichte zum Anhören

Hier kannst du dir die 9. Folge der Serie „Family Five“ auch anhören:

Ich schließe die Augen ... und sehe meinen Vater beim Anblick der vielen bröckligen Steine und Vitrinen glücklich lächeln. „Ach, es geht doch nichts über einen Ausflug in die Antike.“ 
Wir stehen auf einem Hügel, vor uns die Überreste einer Mauer. Und daneben meine ganze Klasse, ausgerüstet mit Lupen und Stirnlampen. Wo sind wir? 
Plötzlich durchbricht das Lachen meiner Klassenkollegen die Stille. Sie deuten mit dem Zeigefinger auf meinen Vater, der gerade einen Umhang aus seinem Rucksack zieht. Dabei singt er: „Hi-Hi-Hi-Himation, bist keine Illusion. In dieser Region hast du ‘ne Funktion, gehörst zu meiner Passion, trittst nun in Aktion.“ Mit diesen Worten wirft er unserer Geschichtslehrerin ebenfalls einen Umhang zu. 
Frau Marin sagt: „Danke, Georg, diese griechischen Mäntel sind wirklich unglaublich bequem. Kinder, bildet kleine Gruppen und holt euch je ein Artefakt.“ 
Kiana, Matteo und ich bekommen etwas, das wie ein versteinertes Zahnrad aussieht. „Ist das von einer Uhr?“, murmle ich. 
Mein Vater klatscht in die Hände. Dabei sprüht Konfetti von seinen Fingerspitzen. „Wunderbar! Ich wusste, du würdest dabei sofort an den Antikythera-Mechanismus denken, Lenny.“ 
Er wendet sich an meine Klassenkollegen. „Das war so etwas wie der erste analoge Computer der Welt. Lenny bekommt nicht genug vom alten Griechenland. Er spricht zu Hause nur noch griechisch und läuft die ganze Zeit in seinem Himation herum.“ 
Ich spüre, wie meine Wangen knallrot anlaufen. Als ich mir die schweißnassen Hände an der Jeans abwischen will, merke ich, dass ich tatsächlich auch so einen unförmigen Umhang anhabe. Was ist hier los? 
Plötzlich verdunkelt sich der Himmel. Sand wirbelt durch die Luft. Ich kneife meine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. Verschwommen höre ich die Stimme von Frau Marin: „Wer es nicht schafft, das Rätsel seines Artefakts zu lösen, wird diese Ausgrabung leider nie wieder verlassen können.“ Sie stößt ein schrilles Lachen aus. 
Der Sandsturm lässt nach und unsere Lehrerin verwandelt sich vor unseren Augen in eine Eule, die davonfliegt. 
Mein Vater lächelt uns aufmunternd zu. „Viel Spaß!“ Dann setzt er sich auf eine kleine Mauer, packt eine Ukulele aus und beginnt ein Lied zu spielen. Es kommt mir bekannt vor. Doch ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Matteo zerrt mich zu einer kleinen Öffnung in einem Mauervorsprung. „Da drinnen ist die Lösung für unser Rätsel. Lenny, du bist der Kleinste von uns, du musst da hinein.“ 
„Stimmt doch gar nicht“, protestiere ich. Doch als ich mich zu meinem Freund umdrehe, bemerke ich, wie ich schrumpfe. Matteo hebt mich vorsichtig auf seine Handfläche und stellt mich in den Riss. „Viel Glück, Lenny!“ 
Verwirrt stolpere ich vorwärts. Eine Bewegung neben mir lässt mich zusammenzucken. Ich sehe gerade noch, wie ein behaartes Bein von der Größe eines Elefanten in der Dunkelheit verschwindet. War das eine Riesenspinne?! 
„Hilfe!“, schreie ich. Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. „Lenny …“ 
„Papa!“, seufze ich erleichtert und umklammere die Hand.
„Lenny!“ 
Merkwürdig, die Stimme verändert sich. Sie klingt plötzlich heller und strenger. Die Hand beginnt an meiner Schulter zu rütteln. 
„Was …?“ Ich schlage die Augen auf. 
Die ganze Klasse starrt mich an. Frau Marin steht neben mir. „Hast du etwa geschlafen, Lenny?“ 
„Äh … nein, ich habe nur … nachgedacht“, stammle ich verlegen und wische mir einen Spuckefaden aus dem Mundwinkel. 
„Über meine Bitte?“, fragt sie ein wenig milder. 
Ich nicke. Leider habe ich keine Ahnung, wovon sie spricht. Ich muss beim Betrachten der Äste tatsächlich eingeschlafen sein.  
„Denkst du, dass das klappen könnte?“, fragt die Lehrerin und sieht mich erwartungsvoll an. 
Ich werfe Kiana und Matteo einen Blick zu. 
Kiana zuckt mit den Schultern und Matteo sieht so aus, als wüsste er selbst nicht, worum es geht.
„Ja, äh, ich denke schon“, sage ich vorsichtig. 
„Großartig! Danke, dass du deinen Vater fragst, ob er uns auf den Ausflug ins archäologische Museum in der letzten Schulwoche begleitet. Ich weiß ja vom letzten Elternsprechtag, dass er ein Experte auf dem Gebiet des alten Griechenland ist.“ 
Ich schlucke. 
Hoffentlich kommt Papa nicht auf die Idee, tatsächlich so einen komischen griechischen Umhang zu tragen.

Über die Autorin

Christine Auer ist eine österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie liebt Apfelkuchen, das Knistern von Buchseiten und Geschichten und schreibt exklusiv für SPACE die Fortsetzungs-Kurzgeschichten mit der „Family Five“.


LeseStar-Aufgabe

Lenny träumt sich ins antike Griechenland und muss dort ein wichtiges Rätsel lösen. Lies oben mehr dazu und beantworte folgende Fragen:

☑️ = PIRLS-Lesekompetenzstufe

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