Wer würde dich retten?

von Valentina Stanzel

Wer würde dich retten, wenn du in einem wirklich sicheren Gefängnis wärst? Du hast nichts getan, und dich zu befreien, wäre sehr gefährlich. Gäbe es jemanden, der alles in Kauf nehmen würde, um dich zu retten?

Eigentlich mag ich Turnen recht gern. Nur komme ich nie in das Team, in das ich will! Also kam ich beim Stationenbetrieb mit Kim und Miri aus der Parallelklasse ins Team. Die beiden waren eh nett – ich bewunderte Kim schon seit Jahren, denn in meinen Augen war sie perfekt, sie konnte alles im Sport, sie war gut in der Schule, wunderschön und nebenbei noch supernett. Aber irgendwie war sie komisch, sie sprach nicht und lachte nicht, was sie sonst sehr viel tat. Ich wollte sie darauf ansprechen, so etwas sagen wie: „Hey, Kim! Alles gut? Nervt dich der Kasten auch so? Ich kann dir in der Pause einen Kakao kaufen, wenn du willst.“ Ich wäre sympathisch rübergekommen und dann wären wir Freundinnen geworden, wie in allen meinen Träumen. Aber natürlich sprach ich sie nicht an, sondern ging stumm an ihr vorbei und ärgerte mich im Stillen über mich selbst, wie ich es immer tat, wenn Kim mich nicht einmal bemerkte. Ich zog mich schnell um, und es war natürlich nicht schnell, sondern langsam, weil ich nicht aus meinen Turnschuhen herauskam. Ich schnappte mir frustriert meine Schultasche und ging, wie immer, als Letzte aus der Garderobe. Mit der höllisch schweren Schultasche auf der einen Seite und dem unhandlichen Turnsackerl auf der andern schleppte ich mich an der Garderobe der Parallelklasse vorbei. Sie war leer und das Licht war gelöscht, was mich nicht wunderte, denn die Parallelklasse war immer schneller als wir. Doch da hörte ich ein Schluchzen aus der Garderobe. Vorsichtig lugte ich hinein. Ein Mädchen kauerte in der Ecke und weinte. Es war Kim! Ich hatte noch genau drei Minuten, um in die Klasse zu laufen und mich vorzubereiten. Aber ich musste Kim einmal ansprechen, und es tat mir weh, sie so traurig zu sehen. Also ließ ich mein Zeug fallen und setzte mich neben Kim. „Alles gut? Kann ich dir helfen?“, fragte ich. Ich weiß, eine denkbar unpassende Frage, es war ja offensichtlich nicht alles gut. Doch erstaunlicherweise antwortete Kim sogar: „Ich hab ein Geheimnis. Aber … Ich kann es dir nicht sagen.“ Ich wollte irgendetwas Tröstendes sagen, so etwas wie: „Alles wird gut.“  Tat ich aber nicht, denn ich hatte das Gefühl, sonst irgendetwas an ihrem zerbrechlichen Wesen kaputt zu machen. Also lehnte ich mich an die Wand, so wie Kim, und es war mir sogar egal, dass die Wand kalt war. Ich zögerte, immerhin kannten wir uns fast gar nicht, doch überraschenderweise traute ich mich und nahm vorsichtig Kims Hand, und Kim lächelte. Dann starrten wir beide wieder ins Dunkel – und das war okay. Es war nicht diese peinliche Art von Stille – es war Stille, die selbst genug sagt. Für uns gab es keine Zeit mehr. Es war egal, dass es läutete, es war egal, dass ich zehn Minuten zu spät zu Mathe kam.

Ich weiß noch immer nicht, was Kims Geheimnis war. Aber ich glaube, das ist nicht wichtig. Ich glaube, ich kann sie verstehen, auch wenn sie nichts sagt. Ich glaube, auch Kim ist nicht perfekt, ich glaube, niemand ist das. (Und trotzdem ist sie in meinen Augen immer noch perfekt, mit allen ihren Fehlern.) Und ich glaube, dass Kim mich retten würde. Ich sie auch. Aus allen Gefängnissen der Welt, egal was auf dem Spiel steht. 

Und später würden wir darüber lachen.