
Napoleons Erbe
von Jonas Brauer
An einem grauen, kalten Novembermorgen stieg Phil aus seinem weichen Bett. Er tappte den langen Gang mit dem alten Holzboden entlang und stieg die knarrende Holztreppe hinunter. Da hörte er Stimmen: „Was, so teuer! Wir können uns das nicht leisten!“ – Das war seine Mutter.
„Tja, die Preise steigen, und wenn Sie sich dies nicht mehr leisten können, dann müssen Sie wohl oder übel weg“, entgegnete ein Mann gereizt.
„Das können Sie nicht machen!“, rief Phils Mama aufgebracht und den Tränen nahe.
„Das tut mir leid, Frau Trexler, aber ich kann da nichts für Sie tun“, meinte ihr Vermieter. „Sie haben eine Woche Zeit, das Geld zu beschaffen. Oder Sie müssen gehen“, sagte er bestimmt. Er stand auf, warf einen Blick zurück und trat durch die Tür auf die Straße.
„Was sollen wir jetzt nur tun?“, wimmerte Phils Mutter verzweifelt.
Phil rannte in sein Zimmer, warf sich in seine Klamotten und lief, so schnell er konnte, zum Zimmer seiner Zwillingsschwester. Der Junge klopfte wild an die Tür und stürmte ins Zimmer von Helene. Sie blätterte in einem Buch und fragte: „Was ist denn los?“
Phil antwortete nicht, zog sie am Arm mit zum Dachboden. Erst da sprach er: „Mama hat nicht genügend Geld, um die Miete zu bezahlen! Wir sollten unterm Dach nach Dingen suchen, die wir verkaufen können!“
„Ganz langsam! Wir machen das“, antwortete Helene. Sie öffnete die alte Tür des Dachbodens und trat ein.
Ihr Vater saß auf einer morschen Holzkiste. „Ihr möchtet sicher helfen, Geld einzunehmen? Ich habe da was für euch.“
„Dad, du bist hier?“, fragte Phil verdutzt.
„Einst, als Napoleon in Salzburg war, versteckte er einen wertvollen Dolch unter der Villa seiner Geliebten, der Hundsgräfin. Der Schlüssel zum Gang, wo die Waffe war, wurde bis zum heutigen Tage vererbt. Die Villa der Hundsgräfin befindet sich in der Sterneckstraße“, erklärte ihnen ihr Papa.
„Und der Schlüssel?“, wollte Phil wissen.
„Den habe ich“, antwortete er und händigte ihnen das Erbe aus.
Sofort sprinteten die Kinder die Treppe hinunter, entschuldigten sich bei ihrer Mutter und rannten aus dem Haus.
Sie liefen zur nächstgelegenen Bushaltestelle, stiegen in den Bus und kamen so schnell zu ihrem Ziel. Phil und Helene entdeckten ein rostiges Eisentor und traten hindurch.
Gespenstische Stille herrschte im Garten. Phil und Helene rannten über den weichen Boden Richtung Schloss, doch plötzlich stolperte der Junge und stürzte. Doch da schrie seine Zwillingsschwester: „Schau mal hinter dich!“
Eine Falltür kam zum Vorschein.
„Der Schlüssel!“, riefen sie gleichzeitig.
Helene schob ihn ins Loch und öffnete die Türe. Modriger Geruch stieg ihnen entgegen, aber sie kletterten trotzdem über den bröckeligen Boden hinab. Sie kamen in eine uralte Kammer, die leer war. Nur eine silberne Kiste in der Ecke, die mit Mustern verziert war, stand darin. In der Kiste befand sich der sagenumwobene Dolch, der im Licht glänzte.
„Wir haben ihn!“, jubelten sie.
Erfreut rannten sie den alten Gang zurück, stiegen durch die quietschende Tür, liefen zur Bushaltestelle und fuhren nach Hause. Als Mama den Dolch zu Gesicht bekam, war sie überwältigt. Doch von der Erscheinung ihres toten Vaters erzählten sie ihr nichts.
Später spendete die Familie den Dolch dem Salzburg-Museum, sie erhielten unerwartet eine Jahreskarte auf Lebenszeit und eine Summe, mit der sie leicht die Miete bezahlen konnten.
Doch eine Sache ist für die Zwillinge immer noch unklar: Waren sie etwa mit der Gräfin verwandt?
Wenn sie ihren Vater noch einmal sähen, würden sie ihn dies fragen.