
Die geheimnisvolle Frau
von Mona Kraft
In einer kleinen Stadt gab es eine coole Mädchen-Gang. Wer da dabei sein wollte, musste zuerst eine schwierige Mutprobe bestehen. Valli dachte, es konnte nicht so schwer sein, und sagte zur Anführerin Mareike, dass sie es gerne versuchen würde. Der Termin war in drei Tagen, in einer nebligen Vollmondnacht. Valli wusste noch nicht, was auf sie zukommen würde. Bis jetzt hatte sie nur erfahren, dass sie an dem Abend vor dem Wald erwartet würde.
Drei Tage später war es so weit. Valli machte sich auf den Weg zum Wald. Dort angekommen, wartete schon eine kleine Gruppe. „Also hast du dich nicht gedrückt?“, fragte Mareike. „Nein, ich bin bereit. Was ist die Aufgabe?“, antwortete Valli selbstbewusst. Valli wurde erklärt, worum es ging, und sie marschierten in den Wald. Die Aufgabe war, zu einer Hütte zu gehen und anzuklopfen. Mareike wusste, dass dort keiner wohnte, aber das sagte sie nicht dazu. Sie waren angekommen. Die Gruppe versteckte sich hinter einem großen Felsen. Sie besprachen noch kurz, was zu tun war. Kurz bevor Valli losging, hörte man ein gruseliges Lachen. Sogar Mareike schauderte es. Nur sie wusste, dass dort keiner wohnte. Valli dachte, wenn sie jetzt hingehen und anklopfen würde, wären die anderen sicher sehr beeindruckt. So geschah es. Valli wanderte zur Hütte. Bevor sie anklopfen konnte, zischte eine schwarze Hand heraus und zog sie mit ins Haus. Die restlichen Kinder waren entsetzt.
Drinnen in der verfallenen Hütte war es stockdunkel und Valli sah ihre eigene Hand vor den Augen kaum. Vorsichtig wagte das mutige Mädchen einen Schritt, doch plötzlich stürzte sie in ein Loch im Boden. Es war eine Kellerluke und dort, wo sie saß, war wohl der Keller. Über ihr kam ein unheimlicher schwarzer Schatten zum Vorschein. Nun konnte man auch ein Gesicht erkennen. Es war mit Falten übersäht und die Augen waren hasserfüllt. Valli bekam Angst. Wie man erkennen konnte, handelte es sich um eine Frau. Mit rauer Stimme sprach die Frau zu Valli: „Löse das Rätsel, sonst wirst du für immer hier gefangen sein.“ Die Worte der Frau hallten von den Wänden wider. Valli lief es eiskalt den Rücken hinunter, doch dann riss sie sich zusammen und dachte: „Wahrscheinlich ist das nur einer der Scherze, die die anderen für mich vorbereitet haben, und die Frau ist die Oma von einem der Gruppenmitglieder!“
Zur selben Zeit – außerhalb der Hütte – diskutierte die Mädchenclique, ob sie Valli helfen sollten, denn eigentlich gehörte das gar nicht zur Mutprobe. Doch dann dachten sie, dass Valli es sich schon verdienen müsste, zur „Magischen Gemeinschaft“ zu kommen.
Währenddessen sah sich Valli in dem kleinen Raum um. Durch einen dünnen Spalt in der Decke fiel ein schwacher Lichtstrahl herein. An einer hölzernen Wand stand in neonroter Schrift geschrieben: „Wenn du das Rätsel nicht lösen kannst, werde ich mich endgültig auflösen und du wirst für immer hier gefangen sein.“ Valli verstand zwar nicht so ganz, was die Frau mit „auflösen“ meinte, doch sie wollte hier nicht ewig bleiben. Überall im Raum standen und hingen Spiegel und Valli suchte alle ab. Bei einem fand sie an der Wand dahinter eine Tür und das Mädchen öffnete sie. Dahinter befand sich ein Aufzug und Valli stieg ein. Als sich die Tür wieder öffnete, war Valli in einem neuen Raum. Hier standen Kisten herum, doch alle waren leer. Aber dann fand Valli noch eine ziemlich kleine Kiste in einer Ecke. Darin war ein Zettel und darauf war ein Buchstabe mit einer Zahl geschrieben. Was hatte das wohl zu bedeuten? Valli überlegte und schließlich gab sie auf und setzte sich an die Wand und starrte vor sich hin. Da entdeckte sie neben der Aufzugtür auf einer der Wandfliesen etwas Eingraviertes. Und zwar einen Buchstaben und eine Zahl! Es war die Kombination „A1“. Aufgeregt holte Valli den Zettel heraus, den sie gefunden hatte, und las die Schrift. „G5“ stand darauf und nun wusste das Mädchen, was sie tun musste. Eifrig zählte sie die Fliesen nach rechts und nach unten, bis zur Fliese „G5“. Valli drückte die Fliese nach drinnen und ein Hebel kam aus der Wand. Neugierig drückte sie den Hebel nach unten. Der Boden bebte. Die Wände wackelten. Valli dachte, dass es jetzt vorbei war, weil es aussah, als ob der ganze Raum zerbröselte. Doch plötzlich ging in der Decke des Raumes eine Klappe auf und eine Strickleiter kullerte hinunter. Ein Lichtstrahl blendete das Mädchen. In das Gesicht von Valli wanderte ein Lächeln zurück. Sie nahm die Leiter in die Hand und kletterte hinauf.
Oben angekommen, sah sie die kleine Gruppe hinter dem Felsen gespannt auf sie warten. Valli lief schnell zu ihnen hin und erzählte ihnen stolz und aufgeregt alles, was sie erlebt hatte. Doch Mareike unterbrach sie gleich am Anfang. „In diesem Haus wohnt keiner mehr. Es ist schon seit langer Zeit nicht mehr bewohnt.“ Die Gruppe sah sich verängstigt an. „Aber wen habe ich dann in dieser Hütte gesehen?“, fragte Valli. Es schauderte sie am ganzen Körper. Schreiend liefen die Kinder aus dem Wald hinaus. Mareike sagte zu Valli, dass sie in der Gemeinschaft aufgenommen worden war.