Der erste Schultag
Lenny will pünktlich in der Schule sein. Aber alle anderen schlafen noch.

Das Zwitschern der Vögel weckt mich. Oh nein, wie spät ist es? Die Anzeige meines Weckers springt gerade auf 6:20 Uhr. Erleichtert schlage ich die Bettdecke zurück. Ich bin sogar noch vor dem Weckerläuten aufgewacht. In diesem Jahr werde ich nicht schon am ersten Schultag zu spät kommen.
Ich tapse ins Badezimmer. Sogar das Haargel verteilt sich heute exakt so in meinen Haaren, wie ich es haben möchte. Ich ziehe mich um, schnappe mir meinen Rucksack und laufe pfeifend die Treppe hinunter.
Die Geschichte zum Anhören
Hier kannst du dir die 1. Folge der Serie „Family Five“ auch anhören:
Eigenartig! Wohnzimmer, Vorzimmer und Küche liegen verlassen vor mir. Wo sind meine Mutter und meine Schwestern?
Ich hole eine Schüssel aus dem Schrank und fülle sie mit Müsli. Dann lausche ich. Doch außer dem Surren des Kühlschranks ist im Haus kein Geräusch zu hören.
Mama muss doch heute in die Dienststelle. Und Cici und Iris in die Schule, genau wie ich.
„Mama?“ Nichts.
Ich laufe die Treppe wieder nach oben. Aus dem Zimmer meiner Mutter dringt leises Schnarchen. Ich reiße die Tür auf. Erschrocken fährt meine Mutter aus dem Bett hoch. Quer über ihre Wange verläuft ein Abdruck ihres Kopfpolsters. „Mama, du musst sofort aufstehen!“, brülle ich und rase weiter ins Zimmer meiner kleinen Schwester. Iris liegt eingekuschelt mit unserem kleinen Kätzchen Melody in ihrem Hochbett.
Ich sprinte zu Iris’ Kleiderkasten und hole ihr regenbogenfarbenes Kleid, frische Unterwäsche und Socken. Das lege ich alles auf den Schreibtischsessel und dann rüttle ich meine Schwester am Bein. „Hey, Schlafmütze, du musst aufstehen. Dein Gewand liegt auf dem Sessel.“ Verschlafen wischt sich Iris übers Gesicht.
Ich laufe weiter zum Zimmer meiner älteren Schwester. Das Schild mit dem Totenkopf und der Aufschrift „Betreten verboten“ ignoriere ich und öffne die Tür. Drinnen ist es stockdunkel. Auf dem Weg zu Cicis Bett stolpere ich über etwas, das mitten im Zimmer auf dem Boden liegt.
Fluchend lande ich in einem Berg voller Schmutzwäsche.
„WAS?!“, brüllt Cici.
Ich rapple mich ärgerlich hoch. Statt mich anzuschnauzen, sollte sie lieber dankbar sein, dass ich sie aufwecke.
„Clio, steh auf!“, sage ich bestimmt und reiße ihre Verdunklungsvorhänge auf.
Sie hasst es, wenn jemand ihren vollen Namen verwendet. Als Umweltschützerin den Namen eines Autos zu tragen, ist ja tatsächlich irgendwie unpassend. Aber unser Vater hat eine Schwäche für griechische Mythologie, weswegen wir alle griechische Namen verpasst bekommen haben. Clio ist die Muse der Geschichtsschreibung.
Ich sehe, wie sich Cicis Gesicht dunkelrot verfärbt. „Leonidas!“ Im nächsten Augenblick segelt ihr Stoffhund Fluffy knapp an meinem Kopf vorbei. Ha, von wegen, sie schläft nicht mehr mit einem Kuscheltier.
„Steh auf!“, rufe ich noch einmal und knalle die Tür hinter mir zu.
Zufrieden lausche ich auf die Geräusche, die aus den Zimmern rund um mich kommen. Alle munter!
Während ich wieder in die Küche laufe, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche und rufe meinen Vater an. Ich brauche Unterstützung!
Seit Papa nicht mehr bei uns wohnt, ist alles viel komplizierter. Zum Glück ist er nur eine Straße weitergezogen.
Seine Stimme klingt verschlafen. „Hm, Lenny?“
„Papa, du musst herkommen. SOFORT!“ Damit lege ich auf.
Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass nicht viel Zeit fürs Frühstück bleibt. Ich knalle drei Scheiben Toastbrot auf drei Teller.
Dazu je eine Scheibe Toastkäse. Das muss reichen.
Meine Mutter schlurft in die Küche. Ihre Haare stehen wild vom Kopf ab.
„Wo ist deine Polizeiuniform? So kannst du unmöglich in die Dienststelle fahren“, schimpfe ich.
Bevor sie antworten kann, wird die Haustür aufgesperrt. Mein Vater, noch im Pyjama, stürmt in die Küche. „Was ist passiert?“, keucht er.
Gepolter auf der Treppe kündigt meine Schwestern an. Iris springt fröhlich auf einen der Küchensessel. „Lenny, du hast Frühstück gemacht.“
Doch Cici sieht aus, als würde sie mich am liebsten bei lebendigem Leib verschlingen. „DU …“
Ich hebe beschwichtigend die Arme. „Keine Sorge, dank mir wird heute niemand von euch zu spät kommen.“ Ich zeige auf den Abreißkalender in der Küche, auf den ich in roten Buchstaben „1. Schultag“ geschrieben habe. „Seht ihr, ich bin heuer supergut organisiert.“ Triumphierend schaue ich meine Familie an.
Doch statt sich bei mir zu bedanken, beginnt meine Mutter laut zu lachen. „Lenny, heute ist erst Sonntag!“
Ich starre sie verwirrt an. Dann fliegt mein Blick zum Kalender.
„Montag!“, lese ich laut vor.
Noch immer lachend zieht meine Mutter mehrere abgerissene Kalenderblätter aus dem Altpapier. „Da hat wohl jemand zuletzt ein paar Zettel zu viel abgerissen.“ Sie zückt ihr Handy und dreht es so, dass ich das Display sehen kann. Sonntag steht dort.
Seufzend lasse ich mich auf einen Sessel fallen. Das Schuljahr fängt ja gut an!
Über die Autorin

Christine Auer ist eine österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie liebt Apfelkuchen, das Knistern von Buchseiten und Geschichten. Sie lebt in Wien mit ihrer Familie und zwei Katzen, die am liebsten auf der Computertastatur schlafen.